Wie werden wir künftig studieren?

[20. Dezember 2016] Gemeinschaftspauken zu festen Zeiten im selben Raum? Dank der digitalen Revolution haben es die Studierenden zunehmend selbst in der Hand, wann, wie und wo das Lernen stattfindet – es individualisiert sich. Wie das elektronische Zeitalter den Lernort Universität verändert, weiß die Bildungswissenschaftlerin und Prorektorin für Studium und Lehre, Professorin Isabell van Ackeren.

CAMPUS:REPORT: 
Das Wissen nimmt rasant zu, was bedeutet dies für das Lehren und Lernen?

ISABELL VAN ACKEREN: 
Das stimmt, das Faktenwissen wächst enorm, zugleich veraltet es schneller. Es kann aber nicht die Lösung sein, von den Studierenden zu verlangen, dass sie immer mehr Daten und Details parat haben. Für ihren späteren Beruf benötigen sie mindestens ebenso sehr hohe Handlungs- und Problemlösungskompetenz, möglichst im Team. Vermittelt wird dies in komplexen Lernsituationen, in denen auch über das eigene Wissen nachgedacht wird und wie man sein Denken und Lernen steuert. Deshalb bleibt uns die Universität als zentraler Lernort künftig erhalten. Hier tauschen sich Studierende und Wissenschaftler/innen höchst real und persönlich aus.

Eine Zeitlang galten MOOCs, kostenlose Onlinekurse mit hohen Teilnehmerzahlen, als Wegweiser für moderne Lehre. Ist der Hype vorüber?
Wenn damit das schlichte Einstellen von Vorlesungskonserven ins Internet gemeint ist, dann ja. Aber wenn Onlinekurse so konzipiert sind, dass sie dazu anregen, sich aktiv und kontinuierlich mit Lerninhalten auseinanderzusetzen, haben sie durchaus Zukunft – gerade in der wissenschaftlichen Weiterbildung oder in der Fernlehre. Hier arbeiten wir schon an entsprechenden Ansätzen auf der Basis von Mini Lectures, interaktiven Materialien und Lernaufgaben für das Selbststudium. Der Trend geht in Richtung „Gamification“, also spielerische Elemente zur Motivationssteigerung, wie bei Computerspielen.

Was halten Sie von elektronischen Assessments? 
Das ist nicht zu unterschätzen, zumal wir aus der Forschung wissen, wie wichtig ein kurzfristiges Feedback für erfolgreiches Lernen ist. Richtig gut ist zum Beispiel unser web­basiertes E-Assessment-Tool JACK mit automatisierter Bewertung. Es bietet passgenaue Übungsaufgaben für die Lernenden, die für Lösungswege und nicht nur für Ergebnisse sensibilisiert werden. JACK nutzen mittlerweile angehende Software-Ingenieure ebenso wie Lehramtsstudierende. Es motiviert sie, wenn sie dabei schon Bonuspunkte für die Endnote sammeln können. Die Klausurhürde wird seitdem viel erfolgreicher gemeistert.

Fast schon zum Alltag gehören 3D-Datenbrillen, mit denen man in künstliche Realitäten (VR) eintaucht. Bringt uns die VR auch in der Hochschullehre weiter? 
Das ist vor allem eine Kostenfrage. Verbreiteter sind Augmented-Reality-Systeme, wie man sie zum Beispiel vom Pokémon go-Spiel kennt. Hier werden reale Um­gebungen durch virtuelle Elemente und digitale Informationen erweitert. An der UDE gibt es in dieser Richtung einige Angebote in verschiedenen Bereichen: Die an­gehenden Ingenieur- und Naturwissenschaftler/innen können beispielsweise Maschinen von zu Hause aus steuern. Im Lehr-/Lernzentrum der Medizinischen Fakultät simulieren Studierende Notarzteinsätze. Im Learning Lab der Bildungswissenschaften werden neue virtuelle Lehr-/Lernräume entwickelt und erforscht.

Und wenn ich zeitlich stark eingebunden bin: Wie flexibel lässt sich das Studium gestalten? 
Mittlerweile kann man 32 unserer Studiengänge auch in Teilzeit studieren, Tendenz steigend. Außerdem verlagern wir Lehrsequenzen in die Zeit außerhalb der Präsenz­veranstaltungen, zum Beispiel über flexibel abrufbare Podcast-Angebote. So kann die Kontaktzeit mit den Lehrenden anders genutzt werden, etwa für gemeinsame Übungen und vertiefende Diskussionen und Reflexionen. Beim E-Learning verfolgen wir an der UDE eine umfassende Strategie: das Studium flexibler machen und zugleich das Lehren und Lernen auf hohem Niveau weiterentwi­ckeln. Dafür sind wir im letzten Jahr mit dem Arbeitgeberpreis für Bildung ausgezeichnet worden. Über den zurzeit laufenden Ideenwettbewerb „Scroll to Future“ können sich auch die Studierenden aktiv in diesen Entwicklungsprozess ein­bringen.

Welche Herausforderungen müssen noch bewältigt werden? 
Nicht erst durch die Situation geflüchteter Menschen, die zu uns an die Universität kommen, erleben wir, dass Lernvoraussetzungen höchst unterschiedlich und Lerngruppen viel diverser geworden sind. Dafür gilt es, auch mediengestützte didaktische Konzepte zu entwickeln, um die Studienorientierung und individuelle Lernprozesse zu unterstützen. Solche Ansätze müssen erprobt und wissenschaftlich begleitet werden. Dies ist auch eine zentrale Aufgabe für unser neues Interdisziplinäres Zentrum für Bildungsforschung, das die UDE-Kompetenzen in diesem Bereich bündelt.

Scroll to Future:
http://mediendidaktik.uni-due.de/neuigkeit/6763

Interdisziplinäres Zentrum für Bildungsforschung (IZfB):
http://www.uni-due.de/izfb

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