Studierende beleuchten chinesisches Großprojekt.

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[31. Oktober 2016] Rohstoffhunger, größere Absatzmärkte und sichere Handelsrouten waren ausschlaggebend für die Volksrepublik China, einen alten Traum wiederzubeleben: die „neue“ Seidenstraße, eine alte Karawanen-Handelsroute. Was sich hinter dem einmaligen Riesenprojekt verbirgt, erläutern 12 Studierende der Universität Duisburg-Essen (UDE) in einer aktuellen Sonderbeilage der Tageszeitung (taz).

In Kooperation mit Dr. Nora Sausmikat von der Stiftung Asienhaus und unter der Leitung der Politikwissenschaftlerin und Chinaexpertin Prof. Nele Noesselt beleuchten sie die verschiedenen Aspekte der chinesischen „Going out“-Strategie unter politischen, ökonomischen und sozio-ökologischen Gesichtspunkten. Ziel ist es, die zahlreichen Dimensionen und Facetten der Initiative aufzuzeigen und auf mögliche Gefahren oder Risiken hinzuweisen.

Seit 2013 werden die meisten dieser Großprojekte unter dem Schirmkonzept der „One Belt, One Road“ (OBOR) zusammengefasst. Ein riesiges Infrastrukturprojekt, das gegenwärtig etwa 65 Staaten mit einer Gesamtbevölkerung von 4,4 Milliarden Menschen umfasst. Im Wesentlichen geht es darum, die Infrastruktur in Ost- und Zentralasien auf- und auszubauen – grenzüberschreitende Straßen, Eisenbahnlinien, Pipelines, Glasfaserkabel, und künstliche Wasserstraßen.

Und wozu das Ganze? Julia Fleck, Tanja Walter und Thilo Vogt aus dem Studierendenteam: „Für China ist es wichtig, alternative Energiequellen und Handelsrouten zu finden und zu erschließen. Durch kürzere Transportwege sollen die Energieversorgung gesichert und die (Ressourcen-)importe und Produktexporte günstiger werden.“ Der Korridor „Neue Eurasische Landbrücke“ verbindet zum Beispiel Shanghai und Rotterdam auf dem Landweg. Mit der bestehenden regelmäßigen Güterzugverbindung zwischen Duisburg und Chongqing ist dieser eine von fünf geplanten Wirtschaftskorridoren bereits in einem sehr fortgeschritten Stadium.

„Wenn Chinas Vision von der neuen Seidenstraße erfolgreich umgesetzt wird“, so Tanja Walter, Julia Fleck und Thilo Vogt, „ändern sich die globalen Machtverhältnisse bis zum 100. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik im Jahr 2049 grundlegend. Die zentrale außenpolitische Herausforderung für die chinesische Regierung wird sein, die Sorgen und Ängste in Chinas erweiterter Nachbarschaft zu besänftigen.“

Ein Unruheherd ist zum Beispiel die Stadt Horgos an der Grenze zwischen Xinjiang und Kasachstan. Hier gab es schon zu Zeiten der historischen Seidenstraße einen Grenzübergang. Die Grenzstadt gilt als die wichtigste Transitstation für den Wirtschaftskorridor der neuen eurasischen Landbrücke. Vor einigen Monaten wurde hier Chinas neuer Logistikknotenpunkt ‚Khorgos-East Gate’ fertiggestellt, der größte Güter-Umschlagsplatz der neuen Seidenstraße Chinas.

Er ist auch ein wichtiger Pfeiler für die neue Hochgeschwindigkeits-Zugverbindung: Ein Zug aus China benötigt heute bis Duisburg weniger als zwei Wochen – ein Viertel der Zeit, die der Seeweg beansprucht. Zurück fährt er gefüllt mit Luxusgütern aus Europa für Chinas wachsende Mittelschicht. Und die Zahl der Züge zwischen China und Europa nimmt zu: 2016 sollen es 42.000 Container sein, 2011 waren es gerade einmal 2.000.

Konfliktpotenzial gibt es vor allem um die größte Volksgruppe Xinjiangs, die Uiguren, die in den vergangenen Jahrhunderten mehrfach versuchten, unabhängig von China zu werden. Die Uiguren sind der Meinung, dass ihre rohstoffreiche Region von Peking ausgebeutet wird, und das erwirtschaftete Geld durch die neue Seidenstraße bei ihnen kaum ankommt. Die Region Xinjiang ist reich an Erdöl, Erdgas, Kohle, Uran sowie Platin.

Linda Kramer und Ramona Hägele: „Peking versucht nun verstärkt, die Uiguren in die wirtschaftliche und infrastrukturelle Entwicklung einzubeziehen, um die Unruhen zu verringern und die Gewaltspirale zu durchbrechen. So werden zum Beispiel muslimische Schulen gegründet und uigurische Gelehrte gefördert, wenn sie keine separatistischen Ambitionen haben.“

Insgesamt zeichnet sich eine Umsteuerung im chinesischen Wirtschaftssystem ab: weg von einem ressourcenintensiven Wachstum hin zu einer nachhaltigen Entwicklung. Auslöser ist ein Bewusstsein für die negativen sozio-ökologischen Begleiterscheinungen des Wachstums sowie die Erfahrung der unmittelbaren Verwundbarkeit der chinesischen Wirtschaft durch Krisen und Erschütterungen des globalen Wirtschafts- und Finanzsektors.

Beate Kostka, Tel. 0203/379-2430, beate.kostka@uni-due.de

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