SPD-Mitgliederschwund: Selbstverschuldet, aber aufzuhalten.

[14. September 2016] Der SPD laufen seit einigen Jahren die Mitglieder weg, daran ist sie teilweise selbst schuld. Zu diesem Ergebnis kommen Politikwissenschaftler der Universität Duisburg-Essen (UDE) in zwei Studien. Dabei befragten sie ehemalige und aktuelle Sozialdemokraten eines Unterbezirks. Ihre Analyse zeigt aber auch: Die Entwicklung lässt sich umkehren.

„Der Trend zeigt eindeutig nach unten“, sagt Professor Dose. Er hat mit Anne-Kathrin Fischer sowie Nathalie Golla die Mitgliederstruktur bei den Sozialdemokraten analysiert. Gehörten der Partei Mitte der 1970er Jahre noch über eine Million Männer und Frauen an, sind es mittlerweile nur noch ca. 460.000. Im Moment treten die meisten aus der SPD aus, weil sie unzufrieden sind. Künftig wird die Partei vor allem aus „natürlichen“ Gründen schrumpfen: Denn das Durchschnittsalter ist hoch, im Jahr 2014 betrug es 59 Jahre. Und es sterben mehr als nachkommen. So wird die SPD bis 2040 wohl nur noch auf 200.000 Mitglieder kommen.

Horcht man an der Basis nach, „stößt vielen vor allem die Art, wie Entscheidungen innerhalb der Partei getroffen werden, sowie das schlechte Konfliktmanagement auf“, erläutert Anne-Kathrin Fischer. Man empfindet die offiziellen Mitgliederversammlungen als ermüdend, zumal die wichtigen Entscheidungen häufig in den Hinterzimmern getroffen werden.

Diese Enttäuschung bekamen die UDE-Wissenschaftler auch zu spüren, als sie ehemalige und aktuelle Mitglieder der SPD Siegen-Wittgenstein sprachen. Knapp 42 Prozent der dort Befragten haben schon einmal über einen Parteiaustritt nachgedacht, etwa die Hälfte davon, weil sie mit Entscheidungen auf Bundesebene haderten. Noch schärfer formulieren das die tatsächlich Ausgetreten: Sie bemängeln insbesondere die ausgeprägte Machtorientierung und die wenig demokratischen Strukturen innerhalb der Partei. Gründe, weshalb sie sich nicht länger mit der Bundes-SPD identifizieren.

Aber auch das gibt es: Einige Mitglieder gehen versehentlich verloren, weil sie umziehen. Werden sie im neuen Ortsverein nicht integriert, treten sie später häufig aus.

„Der Mitgliederschwund bei den Sozialdemokraten ist nicht gottgegeben“, stellt Professor Dose fest. „Mit mehr Transparenz und echter innerparteilicher Demokratie könnte die SPD attraktiver werden.“ Hierzu schlagen er und sein Team eine Reihe von Maßnahmen vor: etwa die Mitwirkungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten auf Bundes- und kommunaler Ebene zu stärken, Alternativen zur klassischen Mitgliederversammlung zu finden und ein wirksames Umzugsmanagement aufzubauen. Wichtig wäre es außerdem, Mitglieder zu qualifizieren, die sich mehr engagieren wollen, aber unsicher, da unerfahren sind. Anne-Kathrin Fischer betont: „Nur wer sich etwas zutraut, bringt sich aktiv ein.“

Die Ergebnisse der beiden Studien sind jetzt in einem Buch nachzulesen:
Dose, Nicolai/Fischer, Anne-Kathrin/Golla, Nathalie, 2016: Die Partei im regionalen Fokus: Mitgliederschwund, Alterungsprozesse und Mitgliederpartizipation bei der SPD – Ergebnisse zweier empirischer Studien. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden. ISBN 078-3-8487-3131-2.

Journalisten können ein Rezensionsexemplar anfordern beim Nomos Verlag: http://www.presse.nomos.de/rezensionsexemplar/anforderung-eines-rezensionsexemplars/

Weitere Informationen: Institut für Politikwissenschaften, Prof. Dr. Nicolai Dose, Tel 0203/379-2012, nicolai.dose@uni-due.de, Anne-Kathrin Fischer, Tel. 0203/379-2758, anne-kathrin.fischer@uni-due.de

Redaktion: Ulrike Bohnsack, Tel. 0203/379-2429

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