Wetten, dass… Kooperation wirksamer ist als Konkurrenz?

Schwarm-Katrin Koster

[11. August 2016] Wir lieben den Wettkampf, den Vergleich. Wir streben nach mehr, wollen höher, weiter. Ein Irrweg. Warum es viel erfüllender ist, von diesem Schnellzug endlich abzuspringen. Von Katrin Koster (Text und Foto)

Schon als Steppkes werden wir motiviert, zu siegen – im Sport, bei Gesellschaftsspielen oder in der Schule. Wir sind Teamplayer, aber niemand will das Schlusslicht sein. Um herauszufinden, wo wir stehen, messen wir uns mit anderen. Sind sie schlechter, fühlen wir uns besser. Sind sie erfolgreicher, treibt uns dies im besten Falle an. So weit die Theorie des sozialen Vergleichs.

„Konkurrenz spornt an, doch purer Wettbewerb ist ein Kind der Finanzindustrie – hier zählt der Aktienkurs, das Wachstum, die Bilanz.“ Mit diesem Satz öffnet Professor Dr. Wolfgang Stark den Blick auf unsere Gesellschaft. „Weil wir nicht nach rechts und links geguckt haben, kam es zur Finanzkrise. Dabei ist Kooperation das, was wirklich hilft. Schon seit Urzeiten – im Ackerbau oder in der Viehzucht ging vieles nicht allein.“ Der Organisationspsychologe erforscht, wie unsere Welt tickt.

Soziale Systeme unterliegen klaren Mustern; intuitiv wissen wir alle, wie das Zusammenspiel funktioniert. „Im Team brauchen wir Mover, die vorangehen, aber auch Anhänger, Zuschauer und Skeptiker. Kritik sorgt für Dynamik. Das ganze Projekt profitiert davon, wenn einer sagt ‚Ich bin noch nicht zufrieden‘.“ Was Stark damit meint: Der Vergleich ist wertvoll, um die Qualität zu verbessern. Doch harter Wettstreit bringt selten Innovationen hervor.

Er beobachtet, dass wir uns wandeln: weniger Konkurrenz, mehr Zusammenarbeit und Vertrauen. In den Sozialwissenschaften wird dies umfassend diskutiert: „Das Thema Wettbewerb haben wir in den vergangenen Jahrzehnten überzogen. Kooperation wird gerade wiederentdeckt. Wir brauchen eine neue Wir-Kultur, weil uns Wettstreit und Ich-Denken täglich die Grenzen des Wachstums vor Augen führen.“

Viele Nüsse lassen sich nur gemeinsam knacken – seien es Bauprojekte oder Erfindungen. Auch Konzerne, eigentlich Wettbewerbstreiber, halten es so: Seit langem arbeiten die großen Autobauer zusammen, um etwa die Schweißtechnik weiterzuentwickeln. „Das wird nur nicht publik gemacht“, sagt Stark.

Wer nur die Ellenbogen anspitzt, verliert.

Bahnbrechendes braucht Zeit und kreative Räume. Manches entwickelt sich überraschend: Was einst als Superkleber geplant war, lässt heute die beliebten Post it-Zettel haften. Nicht alles planen – nur wenn wir improvisieren, uns inspirieren lassen und künstlerisch denken, kann Neues entstehen. Nutzen Dax-Unternehmen hingegen die Ideen von Start-ups oder kaufen diese gleich auf, beginnt die Kooperation mit einer Schieflage. Hilfreich für beide Seiten wären neutrale ‚Brutkästen’, Inkubatoren, in die alle ihre Stärken einbringen können, so der Wissenschaftler.

Wer nur die Ellenbogen anspitzt, verliert. Ein klassisches Beispiel: Leistungsprämien bei Versicherungen und andere Bonussysteme. Langzeituntersuchungen zeigen, dass sie nichts bringen, denn viele schielen nach der Belohnung und vernachlässigen die gemeinsamen Ziele. Deshalb werden diese Anreize vielfach wieder abgeschafft. Lieber möchten wir selbstbestimmt und sinngetrieben arbeiten. Zum Weiterlesen: http://intrinsify.me

Idealerweise bilden Kooperation und Konkurrenz ein Gleichgewicht. Wird die Balance gestört, kommt das ganze System ins Rutschen. „Sie kennen das – dieses fühlbare Unbehagen im Job, über das kaum jemand spricht.“

„Stimmt. Wir reden zu selten über Macht und die Manipulation, die damit zusammenhängt. Weil wir uns damit angreifbar machen“, bestätigt Professorin Dr. Anne Schlüter. Die Expertin für Weiterbildung und Frauenbildung hat vor über 25 Jahren das Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW mitgegründet. Schon damals unter dem Motto „Konkurrenz und Kooperation“, auch als Reaktion auf die Seilschaften von Männern, die Frauen meistens ausschlossen.

„Wir hatten und haben ein gemeinsames Ziel: uns bei der wissenschaftlichen Karriere zu unterstützen. Reine Konkurrenz ist destruktiv, wenngleich wir natürlich um Projekte oder Stellen auch konkurrieren“, erklärt sie. Wissenschaftler/innen an 36 Hochschulen machen inzwischen mit, verbessern die sozialen Bedingungen. „Es ist einfach notwendig, sich zu vernetzen, um wettbewerbsfähig zu sein.“ Als Einzelkämpfer/in sei man aufgeschmissen.

Sie sieht immer mehr narzisstisch geprägte Persönlichkeiten, die denken, dass sie sich profilieren, indem sie andere niedermachen. „Diese Form des Umgangs miteinander finde ich bei uns unerträglich. Einige bringen diese Persönlichkeitsstruktur mit, wurden schon als Kind oft gekränkt – da dauert es lange, das Verhalten zu ändern.“

Ticken Frauen anders? „Ja, sie gehen im Wettbewerb nicht bis zum Äußersten, weil sie wissen, in welchen Sumpf sie geraten. Da ziehen manche zurück, auch ihrer Gesundheit zuliebe – was nachvollziehbar ist; nicht grundlos gibt es in bestimmten Bereichen mehr Herzinfarkte.“ Das heißt: Karriere keinesfalls um jeden Preis. „Platzhirsche wird es immer geben“, bleibt Schlüter realistisch. Womit die Wissenschaftlerin nicht allein männliche Alphatiere meint. Frauen kennen durchaus die kämpferischen Mechanismen. „Allerdings wollen sie nicht aggressiv auftreten, unter anderem, weil dies durch das traditionelle Frauenbild nicht akzeptiert wird. Sie streiten schon um Sachen und Ziele, setzen sich durch, aber es sollte eher eine win-win-Situation sein. Sonst kommt man nie aus dem Einzelkämpfertum heraus.“ „Frauen führen viel kooperativer – wenn man sie lässt“, hat Stark ebenfalls beobachtet. „Sie lenken mit Achtung, Respekt und Wertschätzung, zeigen zugleich, dass es Regeln gibt“, ergänzt Schlüter. Ein gutes Vorbild. Wesentlich sei, andere menschlich anzuerkennen, damit sie gute Leistungen bringen und Kritik annehmen können. Konkurrenz gehört zum Alltag, aber die Art wie wir sie leben, ist verbesserungswürdig. Stark setzt auf eine neue Wir-Kultur, seine Kollegin holt zudem die Lernkultur ins Spiel: Bevor wir relevante Entscheidungen treffen, müssen wir dazulernen. Wertschätzend lassen sich neue Sozial- und Diskussionsformen trainieren. Ein Beispiel: „Wer kritisiert, sollte erst etwas Positives sagen und dann das Negative.“

Weichgespülte Harmonie indes ist nicht gemeint. Kooperation heißt: zuhören, sich austauschen, vertrauen und offen auf einander zuzugehen, damit Andersartiges als bereichernd empfunden werden kann. Das klappt weder von heute auf morgen, noch jeden Tag gleich gut. Fatal wäre, es nicht wenigstens zu versuchen.

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