Der wahre Wohlstand

Gerrit von Jorck
Gerrit von Jorck

[8. August 2016] Für Gerrit von Jorck ist Zeit wichtiger als Geld.

Das muss man sich mal vorstellen: Ein Junge steht vor der Eisdiele, seine Mutter sagt, er könne sich aussuchen, was immer er möchte – doch der Sohn schlägt das Angebot aus, weil er ja schon am Tag zuvor ein Eis bekommen hat. Dieses Erlebnis ist jetzt 26 Jahre her. Aber so erzählt es die Mutter noch heute.

Der Junge, der das Eis nicht wollte, heißt Gerrit von Jorck. Inzwischen ist er 30 Jahre alt, und er sagt: „Ich hab’ schon immer abgewogen, ob ich etwas wirklich haben möchte – oder eben nicht“.

Von Jorck muss nicht immer mehr Güter anhäufen. Er lebt bewusster und hat sich gegen das entschieden, was viele als Karriere bezeichnen. Und das obwohl er sein Ticket für die High-Society bereits gelöst hatte: Sein VWL-Studium hat der gebürtige Essener im Sommer 2013 mit einer 1 vor dem Komma beendet. Er hat Praktika gemacht, im Ausland gelebt, Sprachen gelernt. Er könnte Spitzenverdiener sein. Ist er aber nicht. Und trotzdem ist er glücklich. Sehr sogar.

Gerrit von Jorck genießt, dass er reichlich davon besitzt, was man mit Geld nicht kaufen kann. Zeit! Und das ist offenbar ein Gut, nach dem viele Menschen streben, die im Hamsterrad namens Alltag gefangen sind. 100 Stunden pro Woche arbeiten, viel Geld verdienen, es mit vollen Händen ausgeben, Kredite abstottern, abhängig sein – das sollen andere tun. Von Jorck arbeitet 19,5 Stunden pro Woche an der Uni Duisburg-Essen. Er ist Dozent für Sozialökonomie. Reich wird er damit nicht. Zu Wohlstand kommt er dennoch. „Zeitwohlstand“, sagt von Jorck dazu. Foto: Jochen Tack

Damit bezahlt man aber keine Rechnungen. Das weiß von Jorck noch aus der Zeit nach dem Studium: zehn Stunden hat er pro Woche am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung gearbeitet, pflegte den Blog postwachstum.de, verdiente 500 Euro. Heute, mit etwas mehr Geld in der Tasche, konsumiert er trotzdem anders: Fahrrad statt Auto, Bierchen vom Kiosk statt Cocktail-Bar, Urlaub an der Ostsee statt auf den Bahamas.

Von Jorcks Lebensmodell ist auch politisch geprägt. Im Netzwerk Attac ging er der Frage nach, wohin das ständige Streben nach Wachstum führt – und welche Alternativen es zu Kapitalismus und Konsum gibt. Für sich hat er Antworten gefunden. Aber er zwingt sie niemandem auf.

Er hätte jedoch Gelegenheit dazu gehabt. Nachdem der „Tagesspiegel“ ihn 2013 zum Thema Konsumkritik interviewt hatte, rissen sich die Journalisten um Interviews mit ihm. Die „SZ“ klopfte an, der „Spiegel“ wollte mit ihm reden, „Bild“ war da, „Beckmann“ lud ihn zum TV-Talk. „Das alles hat mich total überrascht“, sagt er. „Ich fand nämlich meine Art zu leben immer super unspektakulär“.

Die Menschen sahen das anders. Nach jedem Bericht über den Karriere-Verweigerer klingelte von Jorcks Telefon ohne Unterlass. In seinem Facebook-Postfach häuften sich Anfragen von Leuten, die er gar nicht kannte. Verlage fragten, ob er ein Buch schreiben möchte. Und ein Professor aus Berlin wollte wissen, ob er zum Zeitwohlstand promovieren wolle.

Ja, das wollte er. Von Jorck geht demnächst in die Hauptstadt. Fünf Jahre wird er an seiner Promotion arbeiten. Er könnte schneller fertig werden, doch dann geriete sein Zeitwohlstand in Gefahr – und er hätte das Angebot ausschlagen müssen. Schließlich wusste von Jorck schon als Kind ganz genau, was er will.

Text: Tobias Appelt, Foto: Jochen Tack

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