Der Skorpion macht Probleme: Auf der Matte mit einem Yogaexperten.

2016_Feb_18_Dr.Cramer_FP_007[28. April 2016] Wenn Holger Cramer arbeitet, ist die Yogamatte nie weit weg. Sein Büro in der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin liegt neben dem großen Übungs- und Meditationsraum. In drei Schritten ist der sport­liche 38-Jährige dort. Heute scheint die Sonne durch die hohen Fenster; in der Mitte liegen runde Sitzkissen und bunte Matten. Ein Ort zum Entspannen, zum achtsamen Umgang mit sich selbst.

Yoga und Achtsamkeit. Zwei wichtige Aspekte für den Forschungsleiter des Lehrstuhls für Naturheilkunde. Auch im Privat­leben. Vor zehn Jahren stand er zum ersten Mal auf der Matte. In Castrop-Rauxel. „Dort gibt es ein Ayurveda-Zentrum, in dem ein sehr erfahrener Lehrer unterrichtet hat. Das hat mich stärker angesprochen als ein Kurs in der Volkshochschule.“ Seine Reisen durch Südostasien hatten ihn zuvor schon beeinflusst: „Die Ruhe und Gelassenheit, die mit dem Meditieren einhergehen, haben mich fasziniert.“ Er besuchte Workshops und Kurse sowie Vorträge des Dalai Lama, wenn dieser in Deutschland war.

Dr. Cramer schiebt seine schwarze Hornbrille ein Stück auf der Nase zurück. Der gebürtige Bochumer, der heute in Essen lebt, spricht mit ruhiger Stimme. „Yoga hat mir von Anfang an gut getan. Nicht nur auf körperlicher Ebene.“ Die einzelnen Bewegungs­abläufe dehnen, lockern und stärken. Sie halfen, seine Nackenschmerzen in den Griff zu bekommen.

„Die Haltungen werden sehr bewusst durchgeführt. Der Fokus liegt ausschließlich auf den Bewegungen und der Atmung. Das sorgt im Kopf für Ruhe, reduziert den Stress.“ Der Abgabetermin für die nächste Publika­tion, die anstehende Tagung – alles wird ausgeblendet. Nur der Moment, das achtsame Üben und Atmen, zählt. Wer das einmal verinnerlicht hat, kann diese Einstellung mit in den Alltag nehmen.

Dass Yoga wirksam ist, konnte er nachweisen: Zwei Studien hat sein Team gerade abgeschlossen. Sowohl bei chronischen Darmerkrankungen als auch bei Übergewicht hilft es. Die Übungen reduzieren körperliche Symptome, wirken psychischen Belastungen entgegen, machen grundsätzlich aktiver und beweglicher – was Cramer auch an sich selbst beobachtet.

Nicht überraschend, dass der Psychologe bei seiner Doktorarbeit auf eigenen Erfahrungen aufbaute und die Wirkung von Yoga bei chronischen Nackenschmerzen erforschte. Zuvor vertiefte er sein Wissen über Akupunktur und Traditionelle Chinesische Medizin im Reich der Mitte. Seit 2014 zieht es ihn immer wieder als Gastwissenschaftler nach Australien.

Bleibt da noch genügend Zeit für die eigene Yogapraxis? „Schwierig, aber es geht!“ Da wird schon mal das Hotelzimmer zum Übungsraum. Oder das Wohnzimmer. Manchmal gönnt er sich ganz bewusst eine Auszeit. Dann zieht es ihn beispielweise in ein Seminarhaus in Bad Meinberg. „Dort hat der Alltag keine Chance, es gibt nur Yoga und mich.“

Noch kann er den Kopfstand nur kurz halten. Und der Skorpion macht Probleme: Das Gewicht liegt hier auf den Unterarmen, der Körper streckt sich zunächst senkrecht in die Höhe, die Beine werden angewinkelt und über den Kopf nach vorne gebeugt. Klingt nicht nur kompliziert, ist es auch. Doch Yogis wollen nicht fehlerfrei sein, viel wichtiger ist die regelmäßige Praxis. „In einer perfekten Welt würde ich jeden Tag üben“, sagt Cramer lachend. „Aber in dieser Welt freue ich mich über jede Gelegenheit zur Praxis. Und über jede stressige Situation, in der ich bewusst atme, mich fokussiere.“ Dann nämlich wirkt Yoga auch jenseits der Matte.

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