„Hitzig diskutiert wird häufiger“

Acht Seiten kritische Bericht­erstattung: Hochschule, Politik, Lokales – das ist die studentische Zeitung ak[due]ll. Zehn gleich­berechtigte Redakteur/innen bringen sie heraus. Wie gut das funktioniert, hat sich Amela Radetinac angesehen.

 

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Foto: UDE / Frank Preuß

 

Eine Seite, eine Geschichte. Obwohl – die wichtigste bekommt in der ak[due]ll meist doppelt so viel Platz. Insgesamt acht Seiten auf recyceltem Papier, die bequem „auch unterm Vorlesungstisch gelesen werden können“. So begründet Maren-Christin Wenzel das Halbe Berliner Format, das etwas größer ist als DIN A4.

Die 25-Jährige ist seit Ausgabe Null vor über drei Jahren dabei und hat gerade mit ihren Mitstreitern Nummer 125 veröffentlicht. ak[due]ll erscheint jede Woche, in den Semesterferien alle zwei Wochen. Ausgefallen sei die Ausgabe nie – nur zu Beginn: „Die Redaktion streikte, weil die Autor/innen ihre Honorare nicht bekamen.“

Drei Euro für 500 Zeichen gibt es. Die zahlt der AStA. Der Studierendenausschuss ist offizieller Herausgeber, der jede Ausgabe mit rund 1.500 Euro finanziert. „Aber wir berichten unabhängig“, betont Wenzel. So gebiete es schon ihr Statut: „kritisch und angemessen“. Mit gesicherter Finanzierung müssten keine Anzeigenkunden berücksichtigt werden. „Das macht die Sache spannend“, sagt Linda Gerner, ‚Frau Gerne‘ genannt.

Die Redaktion entscheidet, der Heraus­geber muss den Tenor rechtfertigen können. „Ein Vertrauensverhältnis“, meint Wenzel. Sind die Themen heikel, nutzten sie die Rechtsberatung des AStA. Rechtsstreite lassen sich dennoch nicht vermeiden: „Wir engagieren uns antirassistisch, berichten zum Beispiel über Pegida-Gegendemonstrationen, machen auf rechte Strukturen im Ruhrgebiet aufmerksam“, erklärt Gerner. Dafür gab es schon eine Anzeige. Neo-Nazis drohen häufiger damit, „aber wir lassen uns davon nicht einschüchtern“, so die Redakteurinnen.

Das „duell“ im Titel sei nicht programmatisch, vielmehr ließen sie sich von der Frage leiten, was das studentische Leben in und außerhalb der Uni betrifft. „Wir halten es für realitätsfern, nur über den Campus zu berichten. Viele Studis leben in Duisburg und Essen“, so Wenzel. Das Team will Inhalte bieten, die andere Medien nicht liefern. „Wir suchen die Nischen“, sagt Gerner.

Ihre Fundstücke tragen sie mittwochs um zwölf bei der Konferenz im Essener Besprechungsraum des AStA zusammen. Der bietet ihnen alles, was sie brauchen: einen großen Tisch, Kaffeemaschine und Computer. Zuerst steht die Blattkritik an: Was lief gut, was weniger? Irgendwas, wie diesmal ein zu dunkel geratenes Foto, ist ja immer.

Es folgt die ‚Ist-was-Runde‘ , in der sie über das Redaktionsklima sprechen, über ihre Stellenausschreibungen, Online-Kommentare oder E-Mails. Manche Antworten stimmen sie erst intern ab. Die ak[due]ll-Redaktion funktioniert im Konsens. „Wir haben keinen Chef vom Dienst, wir sind komplett gleichberechtigt“, so Wenzel.

Gemeinsam überlegen sie, was sie aus den Themen machen. Neben Lokalgeschehen und Kultur ist immer auch Hochschulpolitisches dabei. Am Ende muss „jeder mit jedem Artikel leben können, das ersetzt die Chefredaktion.“ Wer Inhalte nicht vertreten kann, hat ein Vetorecht. Gebraucht werde es selten, hitzig diskutiert häufiger. So dauert die Konferenz gerne auch mal vier statt zwei Stunden.

Bis zum Montagmorgen, dem hektischs­ten Tag – denn abends geht das Blatt in den Druck –, bleibt den Redakteur/innen nicht viel Zeit zum Interviewen, Recherchieren und Schreiben. Hintergrundberichte und Reportagen bereiten sie manchmal wochenlang vor – zu zweit oder allein, immer digital miteinander vernetzt. „Einige Geschichten verfolgen wir sogar über Jahre hinweg“, sagt Wenzel. Beispielsweise die Debatte um die überwiegend von Roma bewohnten Hochhäuser in Duisburg.

ak[due]ll erscheint nicht nur auf Papier (Auflage: 5.000). Alle Artikel werden auf der eigenen Homepage veröffentlicht und über Facebook beworben. Für diese Arbeit gibt es übrigens 30 Euro extra.

Online werden sie von bis zu 1.000 Menschen gelesen – meist aus dem Ruhrgebiet. Brennen die Themen, sind es zuweilen 60.000 bis 80.000. So bei den Beiträgen zum verteuerten Semesterticket, zur Anwesenheitspflicht und zur Schließung des Essener Kunst- und Kulturcafés. Von den Klicks beherrschen lässt sich die Redaktion aber nicht. Ihr ist es wichtiger, Diskussionen anzustoßen.

Die Mitarbeit ist zeitintensiv. „Es gehört viel Idealismus dazu“, sagt Wenzel, „doch dass wir die verschiedensten aktuellen, traurigen oder lustigen Geschichten erzählen können, macht mich zufrieden.“ Obendrein bekommt man viel journalistisches Know-how. Mitmachen können grundsätzlich alle UDE-Studierende, die gern schreiben – „auch absolute Beginner“, so Frau Gerne.

„Wir schulen uns gegenseitig, so dass jeder im Laufe der Zeit alles kann und die Zeitung trotz Fluktuation fortbesteht“, erläutert Wenzel. Beginnen mehrere Neue, so wie jetzt, veranstaltet die Redaktion zunächst Workshops, die alles von der Recherche übers Schreiben bis zum Fotografieren und Gestalten vermitteln.

Dann geht es sogleich ans Eingemachte, denn außer dem Comic, mit dem eine Karika­turistin regelmäßig das Studentenleben im Folkwang-Wohnheim illustriert, gibt es keine festen Aufgaben. Vorlieben werden allerdings berücksichtigt. „Nur Hochschulpolitik müssen alle draufhaben.“

Ist die Zeitung gedruckt, wird sie auf den Campi und in den Studi-Kneipen ausgelegt. „Wir werden vermutlich mehr von der jungen linken Szene gelesen“, so Wenzel, „aber auch den Rektor haben wir schon mit der ak[due]ll gesehen.“

Mehr: http://www.akduell.de

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