Wie deutsche Juden ihr Posen sehen

[24.03.2016] Wie fühlt man sich, wenn man die langjährige Heimat verlassen muss? Und wie bleibt man der ursprünglichen Region verbunden, auch wenn man ihr den Rücken kehrt? Antworten auf diese Fragen sucht ein neues Projekt des Salomon Ludwig Steinheim-Instituts für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen (UDE). Im Mittelpunkt stehen die Posener Juden, die nach dem Ersten Weltkrieg auswanderten.

Posen war zwischen 1793 und 1918 eine preußische Provinz. Die hier lebenden Juden verstanden sich mehrheitlich als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens. Als Polen nach dem Ersten Weltkrieg wieder unabhängig wurde, wanderten sie vor allem nach Breslau und Berlin aus. Aber sie blieben „Posener“: Sie gründeten etliche Vereine und gaben die Posener Heimatblätter heraus (ab 1935 Blätter des Verbandes Jüdischer Heimatvereine).

Auf sie stützen sich nun die beiden Wissenschaftlerinnen Dr. Beata Mache vom Steinheim-Institut und Karolina Filipowska von der Universität Poznań: „Wir möchten dieses kaum bekannte Bemühen einordnen und dabei gleichzeitig das spezifische Heimatverständnis herausarbeiten.“

Sie fragen unter anderem danach, wie sich Tradition, Zusammenhalt, Selbstwahrnehmung und Interesse an Posen bis 1938 entwickelten, und wie mit der neuen politischen Situation in Großpolen umgegangen wurde. Versuchten die Posener Juden als ein Bindeglied zu fungieren und kulturelle wie wirtschaftliche Beziehungen zur Heimat zu erhalten?

Das Projekt will außerdem untersuchen, wie sich die Deutsch-Posener Identität nach 1933, also nach der erzwungenen Emigration, entwickelte. „Die Heimatblätter wurden noch 1936 international verschickt“, sagt Beata Mache. In Kooperation mit der Universität Poznań wird sie auch die Rolle der deutschen Juden überprüfen, die in Polen blieben: Bewahrten sie die Posener Traditionen?

Das Vorhaben wird von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Bundestagsbeschlusses gefördert und trägt zur Erforschung der deutsch-jüdisch-polnischen Beziehungen in den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches bei.

Weitere Informationen: http://phdj.hypotheses.org/
Dr. Beata Mache, Steinheim-Institut, Tel. 0201 / 82 16 29 00, 0201 / 20 16 44 34, mac@steinheim-institut.org

Redaktion: Isabelle De Bortoli, Tel. 0203/379-1488

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